Silvester im Schweigen – (m)ein etwas anderer Start ins Jahr

Vor einem Jahr hatte ich schon den Wunsch, meinen Jahreswechsel in Stille zu verbringen. All die Eindrücke und Erlebnisse aus Nepal und Indien verarbeiten. Doch so kurzfristig habe ich keinen Kurs gefunden und mir statt dessen Freiburg angeguckt – hatte ja auch sein Gutes.

Zu diesem Jahreswechsel war es dann endlich soweit. Ich habe einen der begehrten Plätze ergattert.
10 Tage Vipassana nach S. N. Goenka. 10 Tage in edler Stille und 10 Stunden pro Tag im Schneidersitz. Ohne Kommunikation jeglicher Art… in den Schweizer Bergen. Im wunderschönen Mont Soleil.
(Dhamma Sumeru)

 

„Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet soviel wie die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind.
Es ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung.“

 

So saß ich nun am zweiten Weihnachtstag voller Vorfreude im Zug Richtung Schweiz und spürte innerlich, wie bereit ich für die Stille war. Gleichzeitig hatte ich großen Respekt beim Gedanken an
den Tagesablauf.

 

Was mich erwartete

Um 4 Uhr morgens aufstehen: nicht einfach, aber machbar. 10 Tage lang Schweigen: super. Das habe ich in der Yogalehrerausbildung schon sehr genossen. Keinen Blickkontakt: mal sehen wie das wird. Nichts aufschreiben dürfen: schwierig. Wohin mit all meinen Ideen und Erkenntnissen, die mir in der Zeit kommen? 10 Stunden am Tag im Schneidersitz sitzen: das wird auch für mich, mit täglicher Meditationspraxis, eine Herausforderung. Meine Hüfte und Knie werden sich bedanken.

Im Dhamma Sumeru angekommen wurde ich sehr herzlich empfangen und hatte auch die ganze Zeit über ein sehr wohliges Gefühl im Haus. Was nicht zuletzt an unserer Kurs-Betreuerin lag, die diese angenehme Atmosphäre verbreitet hat.

Das frühe Aufstehen war kein Problem. Ich war mit dem Gong putzmunter und die letzten Tage auch meist schon vor dem Weckruf wach. Schweigen war eine Wohltat und keinen Blickkontakt haben funktionierte auch. Mein Notizbuch habe ich zwischendurch sehr vermisst. Das Sitzen war die ersten Tage unruhig. Verschiedenste Varianten und Unterpolsterungen habe ich ausprobiert, um festzustellen, dass ohne Hochsitz doch am Besten ist und mich am meisten erdet. Nach der Einführung in die Vipassana-Technik an Tag 4 und dem Sitzen mit großer Entschlossenheit (Adhitthana) ist es sowieso egal, wie man sitzt, wo man sitzt und für wie lange. In Gleichmütigkeit kann man einfach wie eine Buddha-Statue dasitzen. Und so wurde es die letzten Tage insgesamt ruhiger. In der Meditationshalle und im Geist.

Pausen und Essenzeiten waren genau mein Rhythmus. Frühstück, Mittag und Nachmittags eine Teepause, zu der es für die neuen Schüler noch Obst gab. Spaziergänge im Garten waren wunderbar. Wir hatten sonniges Wetter und so konnten wir jeden Tag durch den Schnee stapfen und das Farbspiel des Himmels beobachten: morgens nach dem Frühstück die Morgendämmerung in Blau-Grün, Mittags die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht und Abends die Alpen in Rosa getaucht.

 

Was ich erfahren habe

Das Rad wird hier nicht neu erfunden. Es gibt einige Parallelen zum Yoga, dem achtgliedrigen Pfad nach Patanjali und anderen Achtsamkeitstechniken: ethisches Handeln, konzentrieren, auf etwas fokussieren, beobachten, spüren… und doch bekommt es durch dieses Erleben nochmal eine ganz andere Bedeutung. Dieses Erfahren und Erkennen hat einfach alles verändert.

Meine Meditationen waren eine stürmische Reise. Wenn man es in Bildern einer Seefahrt beschreiben würde, ging ich ziemlich schnell über Bord, tauchte unter und immer wieder auf, strampelte, bis mich Ungeheuer in die Tiefen des Untergrunds zogen.
Meine dunkelsten, intensivsten und schmerzhaftesten Momente. Am Punkt meiner größten Verzweiflung tauchte ich plötzlich an
die Oberfläche. Und dort durfte die unglaublichsten Erfahrungen machen. Erleben, was es heißt, wirklich gleichmütig zu sein. Schmerz zu empfinden ohne zu leiden.

Was genau ich auf dieser Reise er- und durchlebt habe ist ziemlich unbedeutend. Jede Reise wird anders sein und jeder wird sie
auf andere Art und Weise empfinden. Was ich aber mit euch teilen möchte, sind meine Erkenntnisse:

 

Verlangen und Ablehnung
Viele Reaktionen im Körper nehmen wir als unangenehm wahr und lehnen sie ab. Unser Unterbewusstsein reagiert pausenlos und wir bekommen es gar nicht mit. In den Stunden des stillen Sitzens ist mir erst bewusst geworden, wie sehr der Drang nach ständiger Veränderung besteht. Angenehm und schön: mehr, mehr, mehr davon. Unangenehm und schmerzhaft: sofort raus da. Dieses ständige Bewerten lässt uns leiden. Der Geist möchtes alles, nur nicht still sitzen und beobachten. Dieses Reaktionsmuster gilt es zu durchbrechen, es neu zu programmieren. Wachsam und gleichmütig. Sich auf eine Sache fokussieren und nicht ablenken lassen. Das ist nicht nur hilfreich in der Meditation, sondern auch im Alltag. Denn dort prasseln permanent Reize auf uns ein. Ständig sind wir im Modus des Reagierens. Immer abrufbereit.

 

Alles entsteht, alles vergeht
Das einzig beständige im Leben ist der Wandel. Wir sehen es jeden Tag, wenn die Sonne auf- und Abends wieder untergeht. Wolken ziehen am Himmel vorbei. Die Knopsen an den Pflanzen wachsen, blühen auf, um sich dann wieder zu wandeln. Und auch in uns vollzieht sich der Wandel in jedem Moment. Wir nehmen es nur nicht wahr, weil wir so sehr mit dem Außen beschäftigt sind. Nicht geschult sind, Empfindungen in unserem Körper wahrzunehmen. Doch das hilft uns die Wahrheit, dieses universelle Gesetz der Vergänglichkeit (Anicca), zu erkennen. Probier mal aus, in einer beliebigen Situation in deinen Körper zu spüren. Was kannst du fühlen, wenn du glücklich bist? Was, wenn du sauer bist oder unter Stress stehst? Und wie lange bleibt diese Empfindung?

 

Reinheit von Körper und Geist
Alles, was wir aufnehmen, ob Nahrung, äußere Reize oder geistige Reaktionen, alles manifestiert sich als Materie. In uns. Welchen Einfluss Nahrungsmittel auf unseren Körper und dessen Reaktionen haben kann man gut erfahren, wenn man einige Zeit drauf verzichtet. Seit ich keinen Kaffee mehr trinke und einige Monate zuckerfrei gelebt habe, merke ich, welche Auswirkungen der Konsum von kleinen Mengen auf meinen Körper und Geist hat. In diesen 10 Tagen ist mein System noch viel feinfühliger geworden. Ein Stück Brot und die Schwere, Müdigkeit und Trägheit setzt ein. Ein kleiner süßer Nachtisch und die Affen im Geist hüpfen wild durch die Gegend. Eine Tasse grüner Tee oder Getreidekaffee und mein Herz springt mir förmlich aus der Brust. Gut gewürztes Essen und mein Gesicht steht gefühlt in Flammen. Negative Gedanken und schon verspannt sich mein gesamter Körper…
 

„Du bist, was du isst. Du bist, was du denkst.“

 

Als am letzten Tag nach der Gruppenmeditation das Schweigen gebrochen wurde, konnte ich mir gar nicht vorstellen wieder zu sprechen. Meine Stimme klang ganz fremd. Und die Meditationen nach den ersten Unterhaltungen waren alles andere als konzentriert. Meine Augen haben unruhig gezuckt, meine Gedanken waren wild und mein Kopf dröhnte. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Alltag, der auf uns wartete.

Das Ganze hat ein bisschen was von Forschungsreise und mit diesem Erkennen bleibt für mich nichts mehr, wie es vorher war. Das Gelernte und Erfahrene jetzt vom Meditationskissen mit in den Alltag zu nehmen. Zu integrieren und zu leben, wird meine persönliche Herausforderung. Und so bleibt mir abschließend nur zu sagen:
 

Wir können noch so viel lesen, hören und angucken. Erst, wenn wir es selber erfahren, können wir wirklich verstehen. Und diese Schlüsselmomente sind so magisch. Wenn ihr die Zeit habt und euch bereit fühlt, macht euch auf die Reise. Taucht ein in diese unbeschreibliche Erfahrung von Vipassana.

 

Bhavatu sabba mangalam.
Mögen alle Wesen glücklich sein.

 

Alles Liebe, Sabrina

 
 
 
 
 

Der Vipassana-Afterglow

Hier noch einige ergänzende Worte zur Zeit danach. Ich brauchte einige Tage, um wieder im Alltag und der Außenwelt anzukommen.

Auf der Rückfahrt fühlte ich mich, als wenn ich von einem anderen Planeten käme. Alles zu laut, alles zu wuselig, alles zu viel. Nach einem Schokocroissant hätte ich mich am Bahnhof fast übergeben und flüchtete mich schnell nach Hause und dann in die Natur. Die ersten beiden Tage war mir einfach nur schwindelig. Mein ganzes System reagierte viel sensibler auf alles als sonst. Ich steckte wie in einem Film, indem ich beobachtete, was ich tue, wie ich reagiere… Es überforderte mich, all das wahrzunehmen. Am fünften Tag ging plötzlich gar nichts mehr. Mein Körper verlangte sehr deutlich nach Ruhe und ich wurde von einer riesigen Welle an Emotionen und Glaubenssätzen überrollt. Ich habe unterschätzt, was in den Meditationen freigesetzt werden kann und sich erst danach zeigt.

In den Vorträgen wurde Vipassana oft mit einer Operation verglichen und gesagt, dass man nicht frühzeitig abbrechen soll. Bei einer Operation verlässt man währenddessen ja auch nicht das Krankenhaus. Und was macht man nach einer Operation? Da gibt es die Genesungszeit, die genauso wichtig ist, bevor man wieder in den Alltag startet – liebevoll, rücksichtsvoll und geduldig.

Und jetzt, zwei Wochen danach weiß ich, ich mache es auf jeden Fall nochmal. 🙂