Endlichkeit und Abschied

Im Laufe unseres Lebens erfahren wir alle diese Momente: Abschied, Trauer, Schmerz. Eine intensive emotionale Empfindung, in der unser Herz gefühlt zerbricht. Wenn ein Wesen von jetzt auf gleich aus unserem Leben verschwindet. Ob Tod oder das Ende einer Beziehung. Vielleicht hat es sich angekündigt, vielleicht haben wir es geahnt. Und doch trifft es wie ein Hammerschlag. Es tut weh. Gefühle, die unangenehm sind. Über die wir nicht gerne reden. Uns am liebsten ein Wundermittel wünschen. Eine Anleitung, damit es möglichst schnell vorbei geht.

 
Was genau tut dabei eigentlich weh?
Loslassen von etwas Alltäglichem, Gewohntem, Vertrautem, Wichtigem?
Ist es die Erkenntnis, die schmerzt?
Die Tatsache, das eine Verbindung einfach nicht mehr existiert?

 
Trauer wird in verschiedenen Phasen beschrieben. Wir erleben und durchleben sie so unterschiedlich, wie wir alle sind. Dafür gibt es keine bestimmte Reihenfolge und auch keine Regeln. Manche erleben es milde, andere sehr intensiv, schmerzvoll und mitunter langwierig. Jede und jeder von uns hat ihre/seine ganz eigene Art zu trauern. Im ganz eigenen Tempo.

 

Wie ich Trauer, Verlust und Abschied in den letzten Monaten wahrgenommen und erlebt habe und was mir auf dem Weg des Loslassens geholfen hat, möchte ich mit dir teilen:

 
 
Wissen
Wir alle haben diese weise Stimme in uns. Dieses tiefe innere Wissen, das uns die Botschaft mitteilt, bevor das Ereignis eintritt. Wie aus dem Nichts ist sie da. Mit einer Klarheit, dass es uns kalt den Rücken herunterläuft: „Es geht dem Ende zu“ oder „Es ist vorbei“. Nicht erklärbar, einfach spürbar. In der Gegend von Herz und Bauch. Manchmal laut, manchmal ganz leise. Eindringlich.

 
Schönreden
Auf dieses tiefe Wissen folgt meist umgehend ein Ablehnen, Verdrängen und es nicht wahrhaben wollen. Wir wissen, dass die Stimme Recht hat und wollen nicht, dass sie Recht hat. Wir wünschen uns, dass alles bleibt wie es ist. Wir möchten festhalten, an dem, was wir haben. Hoffnung keimt auf, dass es sich ändert. Das alles wieder wird, wie es war. Der Verstand ist sofort zur Stelle, mit jeder Menge Zweifel im Gepäck. Will uns weiß machen, dass die Stimme sich getäuscht hat.

„Das wird schon wieder, eine Kämpfernatur…“
„Mal nicht direkt alles schwarz-weiß…“
„Vielleicht ist es gar nicht so schlimm…“
„Eigentlich ist doch alles gut…“
„Denk nochmal in Ruhe drüber nach…“

 
Aufwachen
Wenn uns die Nachricht des Verlustes erreicht hat oder ausgesprochen ist, dass diese Verbindung nicht länger hält, realisieren wir langsam. Das innere Wissen bekommt eine Form. Gewissheit. Realität. Mit einem Schlag verändert sich alles. Was gerade noch wichtig schien, verliert an Bedeutung. Ein Cocktail aus unterschiedlichsten Gefühlen durchwirbelt uns und lässt uns keinen klaren Gedanken fassen: Schmerz, Trauer, Schock, Dankbarkeit, Wut, Enttäuschung, Erleichterung…

 
Fühlen
Jetzt heißt es: ganz viel Raum nehmen, geben und mitfühlend mit uns selber sein. So unangenhem die Gefühle sind, die in uns laut werden und so unpassend ihr Zeitpunkt uns erscheint. Wir dürfen und müssen sie fühlen, damit sie sich auflösen können. Uns erlauben, damit zu sein. Einkuscheln, in den Arm nehmen, Wut in ein Kissen schreien, heilende Klänge, Meditation… Uns das geben, was in dem Moment gut tut. Hilft. Geborgenheit schenkt. Tränen fließen lassen, Trauer zulassen, aber auch die Momente, wenn uns nach Lachen ist.

 
Annehmen
Und dann wird er kommen, der Moment, in dem wir akzeptieren können wie es ist. Was ist. Dass dieser Mensch nicht mehr Teil unseres Lebens ist. Dankbarkeit spüren. Für die Begegnung und die gemeinsame Zeit. Erinnerungen im Herzen tragen. Und vielleicht wird mit diesem Verlust auch nochmal deutlich: das Leben ist endlich. Leben wir jeden Tag das Leben, das wir uns wünschen? Voller Bewusstsein? Als wäre es der letzte Tag?

 
 

 
 

(M)ein ganz eigener Abschied

 

Momente der Stille

Ich war weit weg, als ich innerlich spürte, dass es zu Ende geht. Mir hat es sehr geholfen bzw. habe ich es intuitiv gemacht: auf mein Meditationskissen und im Herzen mit meiner Omi verbunden. Wenn du auch nicht vor Ort sein kannst und dieses innere Gespür wahrnimmst, ziehe dich an einen stillen Ort im Außen oder in dir selbst zurück, meditiere. Verbinde dich ganz bewusst mit deinem Herzen und der Seele des Wesens. Lasse ein Bild vor deinem inneren Auge sichtbar werden und schicke liebevolle Gedanken und Wünsche. Auch in der Zeit nach dem Abschied kann es sehr helfen, sich immer wieder mit dem eigenen Herzen und dem Wesen zu verbinden.

 

Licht

Stelle in deiner Wohnung eine Kerze auf (vielleicht auch ein Foto oder Erinnerungsstück dazulegen) und lasse diese für die ersten 10 Tage nach dem Tod leuchten. Dieses kleine Ritual soll der Seele den Weg weisen und helfen nach Hause zu finden.

 

Heilender Klang

Mantren haben eine kraftvolle und heilende Wirkung. Jede Silbe lässt eine Schwingung (Energie) in unserem Körper entstehen. Im Kundalini Yoga gilt „Akal“ (unsterblich) als heiliges Mantra, dass die Seelen der Verstorbenen ehrt. Dieses Mantra habe ich die ersten Tage mehrmals gehört. Es hat mich total berührt und mir gleichzeitig 
ein Gefühl von Geborgenheit geschenkt. Akal von Snatam Kaur

 

Erinnerungen

Suche alte Fotoalben raus, erzählt euch in der Familie oder im Freundeskreis gegenseitig Erlebnisse und Geschichten, die euch mit diesem wundervollen Wesen verbunden haben. Lass das Leben Revue passieren und gemeinsame Momente nochmal lebendig werden.

Der Blick in die alten Fotoalben hat mich inspiriert und auf eine bestimmte Weise wachgerüttelt. Das Leben zu feiern, jeden einzelnen Moment. Alles bewusst mitzunehmen, die Freude und den Schmerz. Alles im Leben kommt und geht, doch die Zeit in diesem Körper ist endlich und wir können sie nicht zurückdrehen.

 

„Deine Zeit wird kommen, doch du weißt nicht wann.
Daher lebe so intensiv wie möglich.
Und es gilt bei allem, jeden Augenblick so auskosten,
als wäre es der letzte.“

(Paulo Coelho)

 

Natur

Zeit in der Natur zu verbringen ist für mich ein Allheilmittel. In jeder Situation. Und auch hier hat mir 
die Natur viel Trost gespendet und Kraft gegeben. Einfach durch den Wald schlendern, den Geruch wahrnehmen, die Energie um dich herum spüren.

 

Letzte Worte

Falls du nicht mehr die Möglichkeit hattest, dich persönlich zu verabschieden, lasse alle Worte auf Papier fließen. Drücke dich in einem Abschiedsbrief aus. Stelle Fragen, sage, was du unbedingt noch loswerden wolltest. Was du fühlst, wofür du dankbar bist. Was du in Erinnerung behälst. Diesen Brief kannst du behalten oder wenn du die Möglichkeit hast, bei der Beerdigung mit ins Grab legen.

 

Verbundenheit

Es braucht die Zeit des Rückzugs und es braucht die Zeit des Teilens. Persönlich, am Telefon oder digital sehen. Aussprechen, was gerade in dir vorgeht. Wissen, dass du nicht alleine damit bist. Erinnerungen aufleben lassen oder einfach nur gemeinsam sein. Raum halten. Sich im Arm halten.

 
 

Und irgendwann wird es leichter